Wir wollten es probieren. Mit dem Mountainbike über Goldingen in die Chrüzegg und von da weiter in Richtung Wolfsgrueb.

Route: Rüti – Ermenswil – Goldingen – Chrüzegg – Schindelberg – Hand – Wolfsgrueb – Wald – Ermenswil – Rüti
Kilometer: 43,14
Höhenmeter: 1202
Highlight: Die Abfahrt von der Chrüzegg
Lowlight: Der Aufstieg zur Chrüzegg

Die Schweiz und ich pflegen eine schwierige Beziehung. Wir sind nicht immer einer Meinung. Oft reiben wir uns aneinander, wie ein Paar, das nicht miteinander kann, aber erst recht nicht ohne. Unsere Beziehung ist so durchzogen wie ein Stück Schweinebraten. Ja, ich gebe zu: Oft nervt sie mich!

Alpaka
Das Alpaka lachte bereits innerlich, was es wohl wusste?

Es regt mich auf, dass ich hierzulande bereits für ein bescheidenes Leben relativ viel verdienen muss. Und mit ihrer dermassen gründlichen Ordentlichkeit und Sauberkeit kann ich niemals mithalten. Dazu nervt mich ihre Panikmache, dass «es» nicht reicht, wenn ich alt werde und bis dahin nicht 200% Einsatz gebe – mindestens. Und das ewig laute Jammern fast aller Bevölkerungsschichten (ausser von jenen, die wirklichen Grund zum Jammern hätten!), geht mir auf den Zeiger. Ich mag es nicht mehr hören!

Aufstieg in Chrüzegg
Roger musste bald mal absteigen beim Aufstieg in die Chrüzegg
Bikewanderung
und irgendwann war sogar tragen angenehmer..

Manchmal aber, ja manchmal verstehen wir uns richtig gut. Dann zeigen wir uns von unserer besten Seite. Wir begraben das Kriegsbeil und bestätigen uns gegenseitig, dass wir beide doch nicht ganz so schlecht sind. Dann ist alles gut. Und die Versöhnung – wie in einer richtigen Beziehung – wunderbar. Genau so wars auf unserer letzten Biketour.

Aussicht als Belohnung
Wir wurden mit der ersten schönen Aussicht belohnt

Rogers Vorschlag bzw. der App Komoot lautete: Ermenswil – Kreuzegg – Schnebelhorn – Wald – Rüti. Schon da fragte ich mich: Wo bitteschön solls einen fahrbaren Weg auf die Chrüzegg geben? Die App lotste uns durch den Eggwald nach Goldingen und völlig unsexy der Nase und der Strasse weiter nach bis Hintergoldingen. Dort bogen wir nicht zum Atzmännig ab, sondern folgten den (Achtung: ein Schweizer Pluspunkt!) gelben Wanderwegschildern zum Chamm, wo uns ein eigens montiertes Biketäfeli sagte: «Da gohts obsi.» Aha. Es existierte also tatsächlich ein fahrbarer Weg hinauf. Wobei in diesem speziellen Fall der Begriff «fahrbar» sehr dehnbar ausgelegt wurde – wie wir nur kurze Zeit später leicht fluchend und stark schwitzend feststellen sollten.

chrüzegg
und dann auf dem Gipfel der Chrüzegg

Jop. Es ging bergauf. Definitiv. Und zwar in einem für uns bisher noch nicht erlebten Mass. Mit Steigungsprozenten weit höher noch als unsere BMI. Während ich tapfer die eine oder andere Pedalumdrehung weiter kämpfte, sah Roger die Sinnlosigkeit dieses Kampfes schneller ein. Er stieg viel eher elegant vom Rad. Und schob es. Oder trug es. Oder eine Kombination von beidem. In genau gleichem Masse, wie die Temperaturen auf hochsommerliche Werte stiegen, kletterten auch wir stetig höher und kamen schon bald in den Genuss (Danke Schweiz!) eines wunderbaren Ausblicks über das Goldinger Tal bis zum Zürichsee. Erst die allerletzte Rampe quer zum Berg und hoch zur Chrüzegg war dann auch für uns wieder im Bereich «fahrbar», sodass wir locker pedalend den bereits in der Gartenbeiz der «Chrüzegg» sitzenden, trinkenden und speisenden Wanderern weismachen konnten, eben den ganzen Weg hochgefahren zu sein…

So hoch oben, draussen an der frischen Luft, an einem Sonntagmorgen, bei strahlendem Sonnenschein – da ist die Welt in Ordnung. Oder zumindest die Schweiz. Man sitzt zusammen mit fremden, für einmal nicht jammernden Leuten, bestellt ein grosses Rivella oder ein «Plättli», hat das ganze Alpenmassiv vom Säntis, über das Vrenelisgärtli, hinüber zu Eiger, Mönch und Jungfrau und bis zur Rigi vor sich und staunt genau gleich wie die weitgereisten Touristen aus Fernost oder Übersee, nur vielleicht mit dem einen oder anderen Föteli weniger. Ach Schweiz, wie bist Du schön!

Doch auch das schönste Panorama darf den Blick für das Wesentliche, den Fokus nicht trüben. Wir hatten noch nicht einmal die Hälfte unserer Tour geschafft – und waren selbiges aber bereits in fortgeschrittenem Masse. Aus diesem Grund strichen wir kurzerhand das Schnebelhorn und Steg von unserem Masterplan. Man sollte immer flexibel bleiben in seinen Zielen und diese den äusseren (und noch mehr inneren!) Begebenheiten anpassen. Vor der Abfahrt füllten wir unsere Flaschen mit frischem Wasser direkt ab Quelle (ja Schweiz: du BIST sauber!), und beim Verlassen des Bergrestaurants spielte doch tatsächlich ein Alphorntrio. (Also manchmal übertreibst Du es etwas mit Deinem Hang ins Kitschige…)

Nach einem kurzen knackigen Aufstieg wartete die Abfahrt «durch die Brüche» auf uns, die diesen Namen haben, weil dort gleich mehrere Felsstürzen abgingen. WOW! Was für ein Super-Trail! Man kurvt auf einem schmalen Weg um riesige Felsbrocken herum – anspruchsvoll, herausfordernd, aber nicht lebensmüde. Und alle entgegenkommenden Wanderer riefen uns ein fröhlich «Grüezi!» zu und machten den Weg frei. Da und dort gab es sogar einen kurzen Schwatz über die wunderbare Natur dort oben. (Es tut gut, Dich Schweiz zu spüren. So pur, so natürlich. Dann find ich Dich echt super!)

Etwas weniger super war, dass wir das Ende unserer Kräfte schon deutlich sahen. Und spürten. Zumal sich Roger noch die Pedale ins eigene Schienbein rammte. Alle Faktoren zusammengezählt war es darum sicher richtig, die möglichst kürzeste Route zurück nach Wald zu suchen. Diese führte vom Schindelberg hinunter zur Hand, mit einem groben Aufstieg weiter zur Wolfsgrueb und über das Oberholz nach Wald. Jop. Wir waren geschafft. Ziemlich endgültig und diskussionslos. Das beweist allein schon die Tatsache, dass wir für die Rückkehr nach Rüti – wo es eigentlich bergab geht – trotzdem die Route wählten mit den wenigsten Höhenmetern…

Chrüzegg Höhentrail
Volle Konzentration..
Chrüzegg Höhentrail 1
..auf unserem neuen Lieblingstrail (Chrüzegg Höhentrail) Richtung Schnebelhorn

Leider wird dieser Blog für einige Zeit der letzte bleiben. Die Tour hinauf zur Chrüzegg hat nicht nur uns selber, sondern vor allem auch mein operiertes Knie (die Schweizer Gesundheitsversorgung ist schon auch nicht übel) an seine Grenzen über darüber hinaus gebracht. Strapaziere ich es immer wieder über Gebühr, verzögert sich die Genesung. Es heisst also geduldig sein – ich mit meinem Knie und die interessierten Leser dieses Blog bis zum nächsten Eintrag.

Wir wünschen Euch einen wunderbaren Herbst, vielleicht sogar mit eigenen Biketouren. Geniesst die Zeit in der Natur und freut Euch, in einem wunderbaren Land mit eigentlich ganz wenigen Sorgen leben zu dürfen. Machets guet, mir gsehnd und läsed üs.

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