Falsch gedacht. Die Schweiz machte noch nicht dicht, wie wir letzte Woche prophezeit haben. So nahmen wir unser Bike und machten uns auf unsere Standard Mountainbike Tour: Rüti – Bachtel – Rüti.

Route:  Rüti – Wald – Plattenweg – Gibswil – Bachtel – Dürnten – Rüti
Kilometer: ca. 35
Höhenmeter: ca. 900
Highlight: Ein Hauch von Frühling und Downhill vom Bachtel
Lowlight: Der vollbesetzte Tisch

«Alles eine Frage der Perspektive»

(Vorerst?) keine Ausgangssperre. Nach wie vor ist es – unter Einhaltung der zwingend einzuhaltenden Sicherheitsmassnahmen namens Social Distancing und in unserem Falle zusätzlich noch Social Biking – erlaubt, sich draussen zu bewegen. Darüber sind wir beide gleichermassen froh und erleichtert: Roger, weil ihm nach zwei Wochen Home Office langsam die Decke auf den Kopf zu fallen schien und ich, weil ich mich ständig bewegen mussund die Natur meine Kraftquelle schlechthin ist.

Das Dörfchen Wald
Wald ist im Zürcher Oberland der Ausgangspunkt für viele Mountainbike Touren.

Wir starteten, um zu Ende zu bringen, was wir letzten Sonntag, vor einer vermeintlich langen Pause abbrechen mussten – unseren «Sturm» auf dem Bachtel. Im Prinzip die genau gleiche Tour. Und doch war so vieles, ja beinahe alles, anders, als noch wenige Tage zuvor. Es ist und bleibt halt alles «eine Frage der Perspektive».

Andi
Andi war glücklich oben, auf dem Bachtel, angekommen zu sein

Am augenfälligsten waren die Veränderungen beim Wetter: Statt Schneeluft um den Gefrierpunkt erwarteten uns heute Sonnenschein und frühlingshafte 14 Grad. Wie angenehmer fühlt sich dann die exakt gleiche Strecke an! Jeder «Stutz» wirkt flacher, jede Pedalumdrehung läuft runder, und Bremsen fällt eindeutig leichter mit ausreichend durchbluteten Fingern. Wir pedalten unsere altbekannte Strecke von Wald ins Sagenraintobel und über die obligaten «Gleichgewichtsübungen» auf dem Plattenweg bis hinunter ins Jonatal. Allerdings liessen wir heute die «Abkürzung» Elbatobel sprichwörtlich links liegen und stiegen stattdessen hoch bis nach Gibswil, von wo es nahtlos weiter zum Büel und schliesslich zum Hinteren Sennenberg empor ging.

Apropos Perspektive: Roger und ich, vereint in einer Person, wären vermutlich ein richtig guter Biker. Rogers Präferenzen liegen klar beim Downhill, während meine Stärken doch eher beim Raufkraxeln zu suchen sind. Roger zieht seine Motivation aus einer coolen Abfahrt, ich klopfe mir auf die Schulter, wenn ich den Gipfel erreiche. Heute haben sich diese Perspektiven leicht verschoben: Ich meine, erkannt zu haben, dass Roger doch auch stolz war, tatsächlich und ganz und wahrhaftig auf dem Gipfel des Bachtels anzukommen und es dem eigenen «Schweinehund» gezeigt zu haben. Und ich – ja, ich gebe es zu, ungern nur – mich mehr auf die bevorstehende Abfahrt freute, als ich jemals öffentlich zugeben würde.

Der Bachtel mit seinem Turm hat auch in Zeiten von Corona kaum etwas von seiner Anziehungskraft als Ausflugsziel eingebüsst. Bei unserer Ankunft bot sich ein kurioses Bild: An die 100 Personen tummelten sich auf dem Gipfel, obwohl das Restaurant verständlicherweise geschlossen war. Die Anwesenden lagen dabei in der Sonne, sassen auf Bänken, hockten in der Wiese – immer in ganz kleinen Zweier- oder Familiengrüppchen, allesamt sehr darauf bedacht, den Mindestabstand zum Nächsten einzuhalten. Langsam scheinen die Botschaften wirklich angekommen zu sein und von allen beherzigt zu werden. Von fast allen: Ein Tisch um die Picknick-Feuerstelle war voll besetzt – mit mindestens 8 Personen…

Neue Perspektiven wurden auch bei der Abfahrt schnell ersichtlich: Mit zunehmender Anzahl Biketouren und kontinuierlich steigenden Kilometerzahlen fühlen wir uns immer sicherer. Ganz langsam werden wir ein Team – also nicht Roger und ich (aber auch) – sondern wir jeder für sich mit seinem Bike. Man versteht einander immer besser, weiss, wie «der Partner» in welcher Situation reagiert, geht aufeinander ein, respektiert sich. Kurz: Die Beziehung zum eigenen Velo gewinnt an Tiefe, wird inniger und vertrauter. So erstaunte es uns nur mässig, dass wir heute an Orten, über Treppen oder steile Abhänge, hinunterkurvten, die uns noch vor wenigen Wochen eine Heidenangst in alle Glieder gezimmert hätten. Heute blieben wir gelassen auf dem Bike, wo wir vor noch nicht langer Zeit ein Bein über den Sattel zurückgeschwungen hätten und wortlos und leicht beschämt gegangen wären. Heute aber hielten wir unten an und fragten uns: «Ähh, wo genau war jetzt nochmals die Challenge?» 

SO macht Biken richtig Spass! Oder anders: DAS ist das richtige Biken!
Oder ganz anders: Unsere Grenzen verschieben sich. Nach oben. In die genau richtige Richtung.

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  1. Pingback: LINGS goes Biking – Zwischen Engelberg und Melchsee-Frutt

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